Interview mit Coline Serreau
In "Good Food Bad Food" geht es um die Umwelt, ein Thema, das Sie bereits in "Der grüne Planet – Besuch aus dem All (La Belle Verte)" behandelt haben. Wie wurde die Idee zu diesem Film geboren?
Schon in "Der grüne Planet", den ich im Jahr 1996 gedreht habe, ging es um Ökologie und um ein radikales Umdenken. Der Film war seiner Zeit weit voraus und hat erst ein gutes Weilchen nach dem Kinostart sein Publikum gefunden. Soeben ist eine neue DVD-Edition von ihm erschienen, und so kann man sagen, dass er sich derzeit eines wundersamen zweiten Lebens erfreut.
Vor drei Jahren habe ich zu meinem eigenen Spaß damit begonnen, Reportagen über verschiedene Themen zu drehen. In einer davon ging es um ein Gespräch mit Pierre Rabhi, den ich schon seit mehreren Jahren kannte. Nach meiner Rückkehr aus Marokko, wo ich einige seiner Projekte mit der Kamera begleitet hatte, sagte ich mir dann, dass man diese Arbeit eigentlich weiterführen und vertiefen müsste, indem man weltweit die Akteure des Wandels aufsucht.
Also hab ich mich auf den Weg gemacht, bin nach Indien, nach Brasilien, in die Ukraine und in die Schweiz gereist, um dort die Leute zu interviewen, die glaubhafte Alternativen zu unserem System auf die Beine stellen. Mein Anliegen war es dabei, nicht nur Theoretiker und die Wortführer verschiedener Bewegungen zu Wort kommen zu lassen, sondern mindestens in gleichem Maße auch die Bauern und die kleinen Leute, die die wahren Akteure und Wegbereiter des Wandels sind.
Ich wollte keinen Film drehen, der nur mit dem Zeigefinger auf die Schuldigen deutet und die Leute deprimiert. Zunächst einmal ging es darum, gewisse Dinge, über die wir uns bereitwillig hinwegtäuschen lassen, beim Namen zu nennen. Die Wahrheit ist schließlich, dass eine kleine Minderheit von Menschen immer mehr Reichtum auf sich vereint, während die Mehrheit unausweichlich der Verarmung preisgegeben ist. Dabei sind die ökologischen Probleme nur die Folge eines Gesellschaftsmodells, das die Ausbeutung, die Plünderung und den Profit höher bewertet als die wahren Kräfte des Lebens.
Sobald sich die Leute mit dieser traurigen Realität und allem daraus resultierenden Unheil konfrontiert sehen, werden sie es mit ihrem Gewissen ausmachen, das zu tun, was ihnen richtig erscheint und was für sie gut ist. Ich habe ihnen da keine Ratschläge zu erteilen. Ich will mit diesem Film nur zeigen, dass es auf der ganzen Welt Leute gibt, die, ohne einander zu kennen, das gleiche tun, dieselbe Lebensphilosophie teilen und der Erde, die uns alle ernährt, mit demselben Respekt begegnen. Das wahre Anliegen des Films bestand also darin, den universellen Charakter der verschiedenen Lösungen genauso wie ihre verblüffende Einfachheit hervorzuheben.
Welches sind die wichtigsten Themen, die im Film angesprochen werden?
Als erstes analysieren wir die Ursprünge dieser Art von Landwirtschaft, die ihre Entstehung dem Übermaß vorrätiger Waffen in der Nachkriegszeit verdankt. Wir haben es also mit einer Landwirtschaft zu tun, die einem Angriffskrieg gegen die Erde gleichkommt.
Danach wird aufgezeigt, wie ein wahrhafter Genozid an den Bauern verübt wurde. Es wird dargelegt, wie man aus einer Logik heraus, die allein dem Profitstreben der petrochemischen Industrie gehorchte – verschlimmert noch durch den Diebstahl öffentlicher Gelder zum Nutzen einiger weniger –, all das beseitigt hat, womit uns die Erde und die Tiere bis dahin umsonst beschenkt haben, um es durch nicht reproduzierfähiges Saatgut, ein Übermaß an Chemikalien und die Auslöschung der Artenvielfalt zu ersetzen.
Der eigentliche Wert der Biodiversität bestand darin, dass sie jedem Bauer die Möglichkeit bot, diejenigen Saaten zu bewahren und zu selektionieren, die am besten für die von ihm bewirtschafteten Ländereien geeignet waren, was ihm eine gewisse Freiheit und Autonomie verschaffte. Dann aber ist die Industrie mit ihrer geballten Macht dahergekommen, um für "Ordnung" in diesem anarchischen Zustand zu sorgen, indem sie das lokale Saatgut konfiszierte und verbot. Stattdessen zwang sie nicht reproduzierfähiges Saatgut auf, das nur mithilfe von Düngern und Pestiziden gedeiht, die ihrerseits durch Patente geschützt sind, welche von der Bevölkerung finanziert werden – eine wahre Goldquelle für die großen Saatguthersteller und die petrochemische Industrie!
Dieser ganze Vorgang führt zum Tod der Erde, die sich in eine Wüste verwandelt, wenn auch vorerst nur in eine virtuelle Wüste, weil wir ja noch ein wenig Erdöl übrig haben. Ohne das Erdöl wären unsere Böden aber steril, tot und könnten nichts mehr hervorbringen. Folglich ist es von größter Dringlichkeit, dieser todbringenden Agrarproduktion, die nur einigen Wenigen Profit beschert und die Sicherheit unserer Nahrungsversorgung gefährdet, ein Ende zu bereiten. Man muss die Böden wieder instandsetzen und zu einer gesunden, nachhaltigen Landwirtschaft zurückfinden, die Millionen von Menschen Arbeit gibt. Und das ist durchaus machbar: Die Bevölkerung müsste es nur fordern, und die Politiker müssten die Gesetze verabschieden, die es ermöglichen.
Ist allein das Patriarchat schuld an der "globalen Schieflage"?
Das Patriarchat ist ein Durchgangsstadium in der Geschichte der Menschheit, das sich durch ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen kennzeichnet. Dieses Ungleichgewicht beraubt die Menschheit der Hälfte ihres kreativen Potentials. Es ist die Ursache gewaltsamer und todbringender Entgleisungen unserer Gesellschaftssysteme. Aber letztlich ist es nur eine Kinderkrankheit, die man heilen kann. Und die Emanzipationsbewegungen der Frauen, die seit einigen Jahrhunderten unsere Gesellschaften erschüttern, sind schon einmal ein Anfang, um diesem Übel abzuhelfen.
Kinderkrankheiten können sehr gefährlich sein und das Leben unserer noch jungen Menschheit gefährden – jung deshalb, weil wir bei der Entstehung der Lebewesen die zuletzt Gekommenen sind, und wahrscheinlich auch diejenigen, die am schlechtesten an diese Welt angepasst sind. Die Frage lautet also: Werden wir diese Prüfung bestehen? Wird die Menschheit erwachsen oder bleiben wir für immer krank? Wenn wir aber erwachsen werden, dann steht uns eine schöne Zukunft bevor. Und wenn wir sterben, dann wird das niemanden stören. Für die Tiere, die Pflanzen und die Bakterien, die schon vor uns da waren und jeden Tag härter die Folgen unserer Arroganz zu spüren bekommen, wäre es eher von Vorteil.
Eine der großen philosophischen Herausforderungen unserer Zeit besteht darin, zu akzeptieren, dass die Menschheit nichts und niemandem überlegen ist. Dies zu akzeptieren, mag unsere Eitelkeit kränken, etwa in der gleichen Weise, wie es für uns ein schwerer Schlag gewesen ist, hinnehmen zu müssen, dass die Erde rund ist und sich um die Sonne dreht, die ihrerseits auch nur ein ganz gewöhnlicher Stern ist, wie es sie milliardenfach in unserem Universum gibt, einem Universum, dessen wahre Ausmaße wir nicht einmal erahnen können.
Claude Bourguignon berichtet uns, dass sich die Genetiker richtig beleidigt fühlten, als sie feststellten, dass die Gerste doppelt so viele Gene hat wie der Mensch – dabei ist das doch nur eine Pflanze! In ihrer unendlichen Bescheidenheit haben die Genetiker für den Teil des Gerstengenoms, der ihnen nicht in den Kopf wollte, keinen besseren Ausdruck als "Junk-DNA" gefunden! Das ganze Denksystem gehört somit auf den Prüfstand.
Die Menschen nehmen für sich in Anspruch, die höchst entwickelte Rasse zu sein. Sie sollten also intelligent genug sein, um ihre angebliche Überlegenheit in Frage zu stellen.
Können Sie uns einige Beispiele für mögliche Lösungen nennen?
Eine der Lösungen besteht in einer "Rückkehr nach vorne": Es geht darum, auf der Basis kleiner lokaler Strukturen zu einer Autonomie in der Nahrungsversorgung zurückzufinden, die ohne Chemikalien auskommt, uns unsere Freiheit zurückgibt und unseren Fortbestand sichert. Vandana Shiva spricht in diesem Zusammenhang von einer Neuerfindung der Demokratie. Bei dieser neuen Demokratie, die es erlaubt, Erde und Teller in Balance zu bringen, geht es aber keineswegs um einen Kampf gegen technische Errungenschaften und moderne Kommunikationsmittel: Es wird beileibe keine Rückkehr ins Höhlenzeitalter angestrebt.
Vielmehr geht es darum, das Recht einzufordern, uns selbst zu ernähren; außerdem das Recht auf Gesundheit und die Freiheit autonomer Entscheidungen. Was unser Überleben betrifft, so dürfen wir nicht länger vom Wohlwollen der Geschäftsleute und Politiker abhängig bleiben. Es geht also nicht um eine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern um einen Paradigmenwechsel, um unsere Zukunft sicherzustellen.

